Stoned Age – Im Abendlicht der Ehrbarkeit

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Freie Presse: „Die ländliche Mode des Hanfrau­chens wird allmählich vom Fortschritt abgelöst“, und zwei Jahre später stand im Wirtschaftsteil der Berliner Vossischen, daß „mecklenburgischer Rauchhanf auf den Berliner Märkten praktisch unverkaufbar“ geworden sei.

Es fehlte dabei weiß Gott nicht an Hanfpro­dukten. Im Deutschen Reich aber waren sie aus den Tabakläden in die Drogerien übersiedelt, die Bhang, Ganja und Churrus in gewaltigen Mengen bezogen, um sie zu verschiedenen Wundermitteln weiter zu verarbeiten (ca. 65%) oder zu Rauchmischungen (ca. 35%). In der Do­naumonarchie, die hauptsächlich aus dem Os­manischen Reich importierte und ein Tabak­monopol hatte, wanderten fast 50% der Importe zur Tabakregie, wo sie mit einheimischen Kreszenzen zu insgesamt vier Marken unter­schiedlicher Stärke­grade rauchbar ge­mischt wurden. Und pures Haschisch gab es auch, unter der Hand, und deshalb wurde darum entsetz­lich viel Wind ge­macht. Vor allem Au­toren der lockeren Hand verdealten den Stoff in Wochenendbeilagen, und beim Abschreiben hatten sie Skrupel wie Bröckers ein Jahrhundert später. Zehn Geschichten aus den Jahren 1910-12 und aus damals beliebten Familienblättem ergeben, aneinander gelegt, fast ein System: In allen zehn Fällen wurde das Haschisch in einem (Prager, Wiener, Berliner und einmal sogar Budapester) Hinterhof von einem Orientalen erworben (sechsmal bei einem Juden und die vier jüdischen Autoren hatten verständlicherweise einen Araber). Acht Kunden hatten bereits Drogener­fahrungen, doch nur gekotzt und sonst nichts erlebt Die in allen zehn Fällen geschluckten Dosen hatten über 27 und unter 38 Gramm und bewirkten einen Trip, der sprachlich an die Reiseberichte mit Acid fünfzig Jahre später er­innert und inhaltlich an Gautiers Geschichten siebzig Jahre zuvor. Die Trips ähneln einander so, daß man eine stoffspezifische Wirkung an­nehmen muß, und davon verlaufen: 3 ange­nehm, 4 erträglich wirr, und 3 enden richtig mies. Letzteres aber tun sie aus moralischen Gründen, denn sie enden wie bei Baudelaire mit einem gräßlichen Kater. Nun ja, der Dich­ter war, als er das dichtete, schon längst auf Alk und Morphium, und die Botschaft der späteren Geschichten war in allen zehn Fällen: Laß‘ dir von keinem Orientalen Haschisch geben!

Stoned Age 01Aber solche Sachen gab’s immer schon, denn vor dem Napf hechelt jeder Hund das Lied sei­nes Herrn. Die Geschichten wurden also vor das Bürgertum von fast liberal bis erzreaktionär ge­schrieben. Die „linke Presse“ hatte andere The­men, da ihr verehrtes Proletariertum eher Al­koholprobleme hatte. Und jenseits von Schnaps und Bier begann die Exotik, die auf jeden Fall von Übel war. Eine kleine Drogenkunde jener Blätter ergab: Bier = geht gerade noch; Wein = bürgerlich; Schnaps = Satan persönlich; Mor­phium = adelig und auch sonst abzulehnen; Haschisch & Co. = dekadent, typisch für Adeli­ge, schräge Künstler und Ausländer. Hier liegt noch viel Stoff für Dissertationen herum, denn das Ganze ist nicht nur dumm, sondern auch erste und immer noch Drogenpolitik, bei­spielsweise der SPD.

An ein Verbot der Sache dachte aber noch nie­mand. Sie war nur leicht anrüchig geworden und kam deshalb bei denen, die auf ihren Ruch in der Öffentlichkeit wert legten, etwas aus der Mode. Die Künstler und anderen Verrückten freute es sogar, denn nun war dieser haut gout fast ihr exklusiver geworden. Nur die polnischen Immigranten, die’s im Ruhrgebiet geschafft hat­ten, stopften ihre von daheim mitgebrachten Krautpfeifen an Sonntagen mit Drogeriezusatz. Dagegen murrten manchmal die katholischen Pfarrer, weil das jüdisch sei.

ie Politik hatte wirklich andere Sorgen. Der Nationalismus, der hundert Jahre zuvor aus dem Antinapoleonismus entstanden und mit der Reichsgründung 1871 fett und erdrückend ge­worden war, gierte nach dem „Entscheidungs­schlag“. Wie lange schon? Egal. Frankreich war ja von Revanchegelüsten zerfressen, das perfi­de Albion gönnte dem Reich nicht den Platz an der Sonne, und der ränkeschmiedende Zar … Stammtischgequatsche, das schon in den Reichs­tag hochgestunken war. Die Wirtschaft war da zwiegespalten. Natürlich ist eine friedliche Welt besser für Geschäfte, doch auch ein Krieg kann eine gute Investition sein, vor allem, wenn da­nach ein Siegfrieden kommt, mit Kolonien und neuen Märkten. Und die Arbeiterschaft predig­te Pazifismus und internationale Solidarität. An­dererseits: Die Waffenindustrie sicherte