Stoned Age – Im Abendlicht der Ehrbarkeit

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Wie konnte es geschehen, daß all das vergessen wurde? Wer’s philosophisch will, kann bei Hegel nachschlagen, Stichwort „Furie des Verschwindens“, und Hans Magnus Enzensberger beschreibt sie in einem grandiosen Gedicht:

… ihr, die nicht auf uns hört,

gehört alles; und sie erscheint

nicht fürchterlich; sie erscheint nicht;

ausdruckslos; sie ist gekommen;

ist immer schon da; vor uns

denkt sie; bleibt;

ohne die Hand auszustrecken

nach dem oder jenem,

fällt ihr, was zunächst unmerklich,

dann schnell, rasend schnell fällt, zu;

sie allein bleibt, ruhig,

die Furie des Verschwindens.

Als junger Kiffer gab ich mich mit einer solchen Antwort sub species aeternitatis natürlich nicht zufrieden, und es gab glücklicherweise noch Menschen, die sich erinnern konnten Mein Großvater lebte noch, ein Herr vom Jahrgang 1864. Mit sechzehn hatte man ihn nach England zum Studium geschickt, etwas ungewöhnlich in seinen Kreisen, deren Reiseziel eher Paris war, doch es war „ganz normal“, daß er sich für die Reise mit zwei Orientpfeifen und einem Döschen Inhalt eindeckte. „Naja, eigentlich
sollte man das nicht als Junger, aber deshalb
hat man’s ja getan“ Aufgehört hat er daimit „etwa 1898″, als Frau und Kinder da waren und auch sonst viel zu tun, und dann vergaß er einfach darauf. Die Pfeifen zerstreuten sich, und das Döschen schenkte er mir.
Sein jüngerer Schwager hatte eine beein-druckende Pfeifensammlung, doch benutzt wurde sie bis 1914: „Da mußte ich in den Krieg, und danach hat man’s nicht mehr getan. Das war einfach Stoned Age 02vorbei“ Als er in den Sechzigern starb, schämte sich sein Sohn, Jahrgang 1912, „dieser Haschpfeifen“ und vernichtete sie. Jede einzelne der wunderschönen Pfeifen zerschlug er mit einem Hammer, und ich durfte ihm bei dieser Reinigungszeremonie nicht in den Arm fallen, denn „was sollen die Leut‘ denken, wenn die so was sehen.“
Ja, was sollten sie denken? Albert Paris Gütersloh, Jahrgang 1888, war 1910 mit seinem Roman „Die tanzende Törin“ berühmt gewor­den, in dem er einige Drogenerfahrungen ver­briet ”In den Galanteriewarenläden gab es die schönsten Pfeifen dafür, die wir uns natürlich allesamt nicht leisten konnten“ Es gab wirklich wunderschöne, und die besten Designer ihrer Zeit versuchten sich an Modellen. Josef Hoff-mann (1870-1956) beispielsweise, Architekt, Gründer der Wiener Werkstätten und seiner Vorliebe für klare Formen wegen gern „Quadraterlhoffmann“ genannt, hatte welche für die feine Firma Heiss am noblen Wiener Graben gestaltet, und die Firma Wallersberg hatte so­gar eine „Pipe Madame“ aus Silber und Perl­mutt auf den Markt gebracht, doch das waren alles Luxusgegenstände, Glanzlichter einer großen Abenddämmerung. Die jungen Künst­ler gaben sich mit einem „Buchingerpfeiferl“ zu­frieden, einem klassisch schlichten Pfeifenkopf, den es seit 1849 gab, unverwüstlich zeitlos wie der Bugholzstuhl der Gebrüder Thonet, und mit dem Mundstück, das dazu gehörte, konnte man seine Persönlichkeit profilieren. Die klassischen Orientpfeifen aber wurden aus gehobenen Ge­schenkartikeln, die sie ja immer waren, zu un­benutzten, sinnentleerten, mehr für Angeber und Touristen, was man schon darauf ersehen kann, daß die noch aus jener Zeit erhaltenen ziemlich unbenutzt sind. Manchmal waren sie sogar unpraktisch, da man des lieben Prunks willen solche Schaugeräte mit Bernstein beköpf­te, der zum Rauchen wieder ein Meerschaum­hüterl haben mußte, was die Taschen unnötig füllte.

Die Knasterpfeifen, für den länd­lichen Bedarf auf Jahrmärkten verhökert, aber waren nahezu verschwunden. Die Trennung zwischen (hei­mischem) Nutzhanf und (importiertem) Rauch­hanf hatte im deutschen Sprachraum etwa 1870 begonnen und war nun nahezu perfekt. Hanf­bauern hatten es nicht leicht – bei Gebrauchs­hanf bekamen sie trotz aller Schutzzölle die russische Konkurrenz zu fühlen, und auf den feinen „Bologneserhanf“ hatten sich längst Un­garn spezialisiert. Großgärtnereien zogen „in­dischen Hanf‘ für die Chemieindustrie, und das war’s so ziemlich. Wer es sich als Landmensch leisten konnte, kaufte den viel feineren Tabak, und Knaster wurde schon ziemlich bald ein Wort für schlechten. 1907 notierte die Neue