Kiffer Typen

  • 23. Dezember 2014
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Menschen sind unterschiedlich, wie wir alle wissen. Gleichwohl lassen sich in der Vielzahl der Charaktere grundsätzliche Muster wieder erkennen. Das gibt uns nicht nur die nötige Sicherheit im alltäglichen Umgang, sondern auch die Gelegenheit zu Freude und Ärger. Unsere guten Freunde haben wir akzeptieren gelernt, an den vielen un- und halbbekannten Menschen erfreut uns das eine, ärgert uns das andere. Und oft sind das in beiden Fallen Charakterzüge, die wir selbst gerne hatten oder ablehnen. Als Cannabis-Connoisseur kennt man so allerlei schräge Vögel, deren mentale Grundverfassung durch das rauchbare Kraut noch besser zum Vorschein kommt. Diesmal: Der Schläfer, der Fressflash-Kiffer, der Sexmuffel und der Küstler. Und immer dran denken: ,,Wer sich selbst zu ernst nimmt, ist selber schuld!“

Der Schläfer

Man kennt ihn, den Freund, der schon mit müden Blick und schlaffen Schultern durch den Türrahmen tritt. Am Telefon war eigentlich verabredet worden, dass man „heute Abend mal wieder richtig einen losmacht“, schwer um die Häuser zieht, am besten willenlos breit. Beim Anblick der dann aufkreuzenden Gestalt sollte man — wäre man klug — alle Pläne gleich wieder über Bord werfen, aber die Hoffnung auf angetörnte Geselligkeit macht blind für die Realität. Dabei ist schon klar, sozusagen vorprogrammiert, wie der Abend verlaufen wird. Die Sachlage wird es sich im Sessel bequem gemacht, langsam den ersten Joint rollen und alles deutet dann auf den Kiffer-Typ hin, der uns die ruhigen Stunden im Leben beschert: Den Schläfer.

Füsse hoch, denn der Tag war lang — dieses Motto durchzieht Denken und Handeln des Schläfers selbst wenn er nicht gearbeitet hat. Ohnehin lässt sich mutmaßen, dass der Kiffer-Typ des Schläfers aufgrund seiner natürlichen Veranlagung das Joch der Arbeit meidet und sich lieber dem Müßiggang hingibt. Wenn er dann zufällig mal nicht kifft, kann dieser zur Lethargie neigende Mustermann durchaus in die hohen Weihen der Kreativität aufsteigen, um in einer ruhigen, geduldigen und sorgfältig ausgeführten Aktivität aufzugehen. Dies ist aber der Ausnahmefall, denn meistens ist er bekifft und müde — so taucht er auch im erwähnten Türrahmen auf.

Von anderer Art ist der Schläfer, der den Rausch zur Stressbekämpfung nutzt. Er hat tat­sächlich hart geschuftet und entspannt nun beim Joint oder Pfeifchen von den Tücken des Alltags. Hier gilt die Grundregel: Je größer der Stress, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es danach abwärts in die Tiefen des Schlafes geht. Nur der Extremtyp wacht dann Nachts noch einmal auf und schreibt seinen geschäftlichen Traum auf den Zettel.

Mit diesen Typen umzugehen ist relativ einfach, solange man sich darüber klar ist, das Regsamkeit und Unternehmungsgeist keine Rolle spielen dürfen. Oft finden ja eh Menschen unterschiedlicher Wesensarten zusammen, zwischen denen Strömungen des charakterlichen Ausgleichs fließen; ist dies der Fall, trifft der Schläfer auf den Hyperaktiven und alles wird gut. Machen es sich allerdings gleich zwei Schläfer allzu bequem miteinander, dürfte jeglicher animierender Esprit flöten gehen, dann legen sich alle Lebensgeister auf die faule Haut.

Mit dem Schläfer lässt sich kein Staat machen, aber ein gemütlicher Fernsehabend hat ja auch was für sich. Während die Kiste im Hintergrund flimmert wird bräsig parliert, ohne je in der Diskussion zu landen oder gar im Streit zu enden, denn auch dafür ist dieser Typ viel zu phlegmatisch. „ändern kann man sowieso nix“, wird auf seiner Grabplatte stehen und oft hat er schon in Lebzeiten den entscheidenden Schritt gemacht, den Schritt von der Bequem­lich- zur Gleichgültigkeit. Am Ende des Abends schläft dieses Genre eingekuschelt in Wohl­gefallen friedlich im Sessel des Freundes, aus kleinen, roten Pupillen noch ab und zu blin­zelnd, aber auch nur dann, wenn das Karate-Porno-Video eine lautstarke Szene verzeichnet. Alles in allem ein liebenswerter Typ, dieser Schläfer, der kaum Gelegenheiten zum sündigen nutzt und auf jeder Party als erster das Gästebett okkupiert. Er hat halt die Ruhe weg.

Der FressflashKiffer

Es ist schon faszinierend, welche Blüten der Haschischkonsum treiben kann. Dass die Sinne geschärft werden, ist ja bekannt: Eine Orange kann zu einem gänzlich neuem Gesch­mackserlebnis verhelfen, das gut gebackene Brot den kernigen Mann herausschälen. Nur gehört der nette Freund von dem wir heute sprechen nicht zu dieser Art sensibler Mensch.

Die abendliche Kräuterzigarette glimmt noch, da meldet sich bei unserem Freund ein Gefühl, nennen wir es mal Schmachter. Obwohl erst vor zwei Stunden im Imbiss den Pommes rotweiß (Fachjargon: Bahnschranke) reichhaltig zugesprochen, verspürt er schon wieder Lust auf Bewegung der Kaumuskeln in Verbindung mit Kribbeln auf der Zunge. Es lässt sich ahnen: Die Motivation zum Essen ist bei ihm weniger durch Hunger, als durch die Lust am Schaufeln bestimmt. „Huch, der kleine Hunger!“ Mit perfiden Werbesprüchen lockt das Fernsehen Richtung Kühlschrank, der beim Fressflash-Kiffer — wenn er denn nicht mal wieder pleite ist — gut gefüllt auf das Herrchen wartet. Nichts ist so erbauend wie der Blick in dieses volle Nahrungskästchen.

Was nun folgt, ist als der Regelkreis des Lukullus bekannt. Zunächst greift unser Freund nämlich zu den Leckereien und Naschereien aus den Food-Design-Fabriken, deren Wissen­schaftler komplizierte chemische Gebilde zur Geschmacksknospenschmeichelei konstruiert und in Plastik verpackt haben. In einer Welt ohne Süßholzraspeln regiert das klägliche Deri­vat des Süßstoffs. Ob Wackelpudding, Milchreis oder Schokokram, binnen einiger Minuten hat sich der Blutzuckerspiegel des Haschbruders vervielfacht und unser Freund liegt ge­nüsslich schmatzend auf dem Sofa. Riegel um Riegel wird nun eingeschoben, eine endlose Zufuhr, die eigentlich nur durch die Produktionslücken der kommenden Weltrevolution ges­toppt werden kann, denn ein Sättigungsgefühl stellt sich dackelgleich nicht ein. Es kommt sogar vor, dass in der Hochphase des Exzesses Bananen in Nutellagläser getaucht werden. Aber halt, es gibt durchaus ein Ereignis, welches den Kiffer aus seiner Weltumarmungs­timmung rausreissen kann. Nein, nicht die DVD mit dem neuesten Machwerk von DigitalPlayground, sondern vielmehr die Gier auf deliziäse Alternativen. In dem grossen Gemansche im Rachen fehlt nämlich der Kontrast, das Prick­eln. Also rafft er sich auf und schlurft wieder zum Ort seiner Träume.

Nun tritt die zweite Phase des lukullischen Kreislaufs in Kraft, in wel­cher die Herzhaftigkeit die entscheidende Rolle spielt. Schluss mit dem Süßkram, nun werden Brote mit Salami geschmiert, Pfannen mit Bratkartoffeln angeworfen, Schweinehälften aus dem Tiefkühlfach gezerrt und kurz darauf duftet es in der Küche wie in der Eckkneipe gegenüber dem Schlachthof. Von den Finger trieft das Fett, eine Zahnlücke beherbergt einen Rindsfuß, kurzum, dass große Fressen hat begonnen. Vegetarier greifen jetzt kurzerhand zu Tofuwürsten, um wenigstens eine Ahnung von den steinzeitlichen Urgründen der Fleischverwertung zu bekommen. Die Aufnahme von Nahrung gehört bei allen Primaten zu den Grundfähigkeiten des Lebens. So weit, so gut, aber wer hat schon mal von einen Gorilla gehört, der soviel Beeren frass, dass er Pickel auf der Nase bekam? Wahrscheinlich sind es weniger – wie so oft angenommen – die Abstraktionsleistungen, die uns Humanoiden von den Tieren unterscheiden, als vielmehr die Angewohnheit, kindliche (Fehl-) Entwicklungen im Alter durch Kom­pensationstätigkeiten auszugleichen.

Aber das ist natürlich alles nur dummes Gequatsche, was hier wirklich zählt, sind die enormen Entdeckungen der Psychoanalyse. Seit Freud steht doch fest, dass die Fresssucht eine Art oraler Masturbation ist. Gerade Schnullerkinder, die zudem noch ihr ödipales Verhältnis zur Mutter nie geklärt haben, neigen danach zu den Abfahrten im Reich des Lukullus. Oder sollte sich Freud im Kokswahn geirrt haben und die Dinge liegen ganz anders? Unser Freund tritt mittlerweile in die dritte Phase des Fresszirkels ein und macht da weiter, wo er ange­fangen hat: Nach all der Fleischeslust lechzt er nach etwas Süßem und wenn die Schokolade nicht alle ist, frisst er noch heute. Keine Frage, mit dem Fressflash-Kiffer haben wir ein gut integriertes Mitglied der Konsumgesellschaft in unseren Reihen, dessen Bedürfnisse ein­fach zu befriedigen sind. Seine Religion ist fest im Glauben an den grossen Aldi verankert, die Vorratskammer ist bei ihm Quelle der Inspiration und der Ruhe, ein heiliger Schrein, dessen Pflege er sich was kostet lässt, der Gang zur Küche, die nächtlichen Ausflüge zur Tankstelle sind Wallfahrten. Und der Körper muss die Suppe aus­löffeln, die ihm der oral gesteuerte Kreuzritter einbrockt.

Der Sexmuffel

Arterhaltung steht ja bekanntlich auf der Prioritätenliste der Säugetiere ganz oben. Etwas Spaß beim Sex haben unseren nahen Verwandten aus dem Tierreich zwar, aber der Zweck steht, glaubt man den Biolo­gen, dabei immer im Vordergrund. Das soll bei uns Humanoiden ja anders sein, wir bumsen auch zum Spaß, sagt man. Wohl evolutionär bedingt hat sich dagegen beim Freund, dessen Betrachtung uns heute Kurzweil bringt, das entscheidende Organ von der Beckenmitte immer weiter Richtung Kopf verschoben: Der kiffende Sexmuffel.

Wo früher Tutti-Frutti noch für Aufregung in der guten Stube sorgte, leiern heute unzählige Fummelfilmchen in der Röhre und Youporn un Co im Internet — kein Wunder, dass der bekiffte TV-Glotzer keine Anstrengungen unternimmt in freier Wildbahn sein Glück zu versu­chen. Bevor Mann sich einen Korb holt oder gar in die Verlegenheit kommt am Morgen danach nach Worten suchen zu müssen, lässt er es lieber ganz bleiben. In irgendeiner der unzähligen Rauchwolken, die er gen Himmel blies, saß Eros und verschwand aus dem Leben des launigen Genossen. So wichtig sind Frauen eh nicht, denkt er sich, und die ausgewachsenen Konsequenzen einer ungezügelten Eruption würden eh nur die Bude vollkacken, zudem wäre dann der Euro nur noch fünfzig Cent wert. Er hat sich entschieden eher Eierkopf als lendenstarke Existenz zu sein.

Oft geht diesem Verhalten allerdings ein traumatisches Erlebnis vor­aus: Vor ein paar Jahren geriet unser Freund nämlich völlig stoned in die Fänge einer sexbessesenen Schuhverkäuferin, die ihn — seine Breitheit schamlos ausnutzend — peitschenschwingend durch die Wohnung trieb. Kein Wunder, dass er sich seither bedeckt hält — die einzigen Weiber, die ihn noch interessieren, gedeihen bei einer zwölf­stündigen Dunkelperiode am besten. Um diese Damen kümmert er sich rührend, stets besorgt um ihr Wohlergehen. Wollüstig buhlt er um ihre Zuneigung, die sich in opulenter Harzproduktion niederschlägt. Die Bilder dieser Damen schmücken sein Zimmer, über ihr Verhalten weiß er wirklich Bescheid, ihre erotischen Geheimnisse liegen wie ein offenes Buch vor ihm, nur sie will er täglich neu erobern. Und am Abend will er sich berauscht von ihnen ins Bett fallen und sich nasse Träume schenken lassen. Zweisames Kiffer-Glück.

Die Entwicklung zum Sex-Muffel geht meist mit der Mutation zum Stubenhocker einher. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, bis er im Bahn­hofskiosk zum „Playboy“ immer gleich ein Paket Tempotaschentücher kauft. Ja, ja, heikles Thema Masturbation. Grundsätzlich fördert das Kiffen nämlich nicht die Abstinenz, Lust und Leidenschaft leiden nicht unbedingt. Eher scheinen es Hemmungen oder schlicht Faulheit zu sein, die den Sex-Muffel an sich selbst genug haben lassen. Sieht er eine Frau, denkt er weniger an Fummeln als an Familie, nicht an Koitus sondern Konflikte. Ohne Verantwortung im Nacken Iebt’s sich halt erheblich unbeschwerter, zudem sind die Passwörter der Porno-Seiten im Internet wirklich leicht zu knacken. Dass sich selbst strah­lungsarme Monitore beim Rammeln nicht so wie die warme Haut eines fleischlichen Partners anfühlen, hat der letzte Joint aus dem Kurzzeitgedächtnis verbannt.

Esoterische Variante: Die Gewissheit der eigenen Unsterblichkeit durch den Gentransport läßt den Stoffel aus seiner Kopulationlethargie erwachen und in’s Tantra-Seminar pilgern. Dort darf er unter Anleitung den Fluss von Ying und Yang neu lernen, liiert sich eher aus Vern­unftsgründen mit einer Sonderschullehrerin und stopft ein paar Jahre später auf dem Öko-Wochenmarkt seinem Kind vegetarische Dinkel-Bratlinge in den Schlund.

Nun darf man aber nicht denken, daß der Sex-Muffel keine ekstatischen Erfahrungen mehr macht: Sein letztes ausgesprochen sinnliches Erlebnis hatte der Sex-Muffel beim streicheln eines überdimensionalen, leicht angewärmten Glas-Bongs, seinen letzten trockenen Orgasmus beim schnuppern an einer 500 Gramm Tüte mit NL-Haze. Er und seine Freunde sind sich einig, daß zum Sex meist Frauen gehören und die machen eh nur Ärger, heben eventuell sogar das fest Welt­bild aus den Angeln. Drum sitzt beim Sex-Muffel für alle Zeiten sein bester Freund nicht mehr in der Hose, sondern in der Hosentasche. Nicht der Pimmel, sondern die Pfeife liegt im Zentrum seines Seins.

Der Künstler

Eine gewisse Lust am Leiden ist ihm in die Wiege gelegt worden. Nur aus dem Hadern und der Verzweiflung heraus schafft dieser Kiffer-Typ seine Taten, die nie Arbeit sind, sondern immer Berufung. Sensibel, bisweilen dünnhäutig bewegt er sich durch die Welt und staunt. Ist er arrogant, staunt er über die Drohnen unserer Gesellschaft, die nicht auf dem Trip der Selbstverwirklichung hängen geblieben sind, ist er klaräugig, staunt er über die täglichen Wunder der Welt, ist er barmherzig, staunt er über sich selbst, denn welcher freie Geist verknüpft sich schon gern mit dem Netz sozialer Verantwortung. Vor allem aber staunt er über Cannabis, das heilige Kraut, welches ihm die nötige Inspiration gibt. Er ist ein kiffender Künstler.

Joint reinpfeifen, zwei bis drei geile Mädels kommen lassen, diese und sich selbst mit Farbe voll schmieren und anschließend auf der Leinwand ekstatisch rumwälzen. So sieht der Alltag eines Künstlers aus. Oder etwa nicht? Wohl eher nicht, denn der wahre Künstler zer­fleischt erst mal sich selbst, bevor er Kontakt mit Fleisch aufnimmt. Der kiffende Künstler dagegen, das ist eine Spezies der besonderen Art.

Im günstigsten Fall hat er schon in früher Kindheit mit dem Kiffen angefangen und so überhaupt die Kunst entdeckt. Seither ist er fähig, die wilden Assoziationen, die Bilderfluten und abstrakten Symbole, halt alles das, was den Rausch ausmacht, kaum durch seinen Alltagsfilter laufen zu lassen. Vielmehr ist er in der Lage, die visionären Eingeb­ungen in die Normalsicht einzubringen und dort zu verwursten. So kommt er der originären Aufgabe des Künstlers nach und tummelt sich im Bereich zwischen Welt und Himmel. Der Künstler hat einen guten Draht zu der Domäne, die nicht dem Siegeszug des Rationalismus unterworfen ist. Dort lauscht er hinein, spürt nach – und das Inhalieren von Cannabisrauch stärkt diese Verbindung.

Aber was soll das glorifizierende Gerede? Oft ist der kiffende Küns­tler nur ein eitler Fatzke, der jeden Furz von sich in Dosen konser­viert und an das „Museum of Modern Art“ schickt. Er will seine Werke ständig gelobt sehen, selbst wenn sie flach sind. Kunst will Gunst, heißt es. In einer anderen Variante verfällt er durch übermäßigen Mischkonsum dem künstlerischen Größenwahn, vom Artifex zum Pontifex, sozusagen. Nur seine ignorante Umwelt begreift dann ein­fach nicht die Tiefe seiner Akte. Man betrachte bitte hingebungsvoll Malewitschs „Weißes Viereck auf weißem Grund.“ Zur Ehrenrettung muss hier aber deutlich gesagt werden, dass selten eine gesellschaf­tliches Klima herrscht, in dem sich Schauspieler, Maler, Poeten, Bildhauer, und wie die hehren Schöpfer alle heißen, austoben kön­nen. Allenfalls die Romantik hat angetörnten Künstlern ein Ohr ges­chenkt. „Brotlose Kunst“, dass steht ja in Deutschland fast für das gesamte Terrain der Künste überhaupt, sieht man einmal von der soliden, aber auch kaufmännisch orientierten Handwerkskunst ab, die bekannterweise goldenen Boden hat. Vielleicht ist es eher die Verzweiflung über diesen Umstand, auf der das enge Verhältnis von Künstlern und Drogen basiert und nicht, wie gemeinhin angenom­men, die substanzinduzierte Ästhetik des Traums. Nur allzu oft ist die Ächtung durch die Gesellschaft allerdings bewusst selbst hervor gerufen, denn unverstanden leidet sich halt besser. Der Rückzug in die mit sich selbst beschäftigte Innerlichkeit wird dann zum Akt des Stolzes: Die Ächtung meldet sich als Anspruch auf Überle­genheit. Profan ausgedrückt: Läuft alles gut für den Künstler, über­flügelt seine Kunst die Wirklichkeit, die von ihm geschaffenen, surrealen Welten werden Realität.

Genie und Wahnsinn, um ein weiteres Sprichwort zu bemühen, lie­gen eng beieinander. Spinnt man diesen Faden weiter, lässt erst die pathologische Intuition den Künstler am (geistigen) Bettelstab gehen. Und krank ist der Künstler dann, wenn er selbst vollständig durch den Kanal mit Namen Intuition den Weg ins Reich der Phantasie nimmt. Manie bezeichnet schon beim Platon den Zustand, in wel­chem der Mensch seiner selbst enthoben ist. Generationen von Dichtern wollte die göttliche Inspiration, die himmlische Euphorie, nicht mehr von Gott selbst, sondern von einer anderen Macht emp­fangen: Der Droge.

Ganz so schlimm läuft es aber meist nicht ab. Vielmehr kristallisieren sich in der Lebenswelt drei Künstler-Typen heraus: Da sind zum einen diejenigen Skandalnudeln, die durch ihr Kiffen berühmt gewor­den sind, wie beispielsweise Martin Semmelrogge oder Hans-Georg Behr. Dann gibt es diejenigen Leisetreter, die es immer geheim gehalten haben, weil es der Karriere schaden konnte. Und zu guter Letzt sei die größte Gruppe genannt, nämlich die Künstler, die zwar kiffen, aber trotzdem immer Sozialhilfeempfänger bleiben. Aber vielleicht sind das die Glücklichsten.