Der Kosmos am Wegesrand – Interview mit Wolf-Dieter Storl

No Comments
 
 

Wolf-Dieter Storl ist ein Kenner psychoaktiver und germanisch-keltischer Heilpflanzen und weiß bildhaft von den Mythen und Geschichten, welche die Pflanzen umranken zu berichten. Er selbst lebt in einem Verhältnis zur Natur, das stark von seiner Verbindung zu den lebenden Pflanzen geprägt ist.

In seinen Büchern, wie beispielsweise „Pflanzendevas”, vermittelt Storl die Perspektive, dass die menschliche Kultur maßgeblich von Pflanzen bestimmt wurde und wird und dass wir direkt von den Pflanzen ler­nen können.

Wir treffen den „Wurzelsepp” nach einem Vor­trag, den er im Rahmen des Hamburger Hanf-festes gehalten hat. Storl fühlt sich in der Groß­stadt sichtlich unwohl, seine Augen fangen immer wieder dann an zu leuchten, wenn es um Pflanzen und alte Mythen geht.

hb: Es entspannt sehr, durch den Garten zu schlendern und hier und dort einen Grashalm auszuzupfen, ihn zu zerreiben und daran zu rie­chen. Wie aber bist du darauf gekommen, in den Pflanzen ein Wesen zu entdecken? Wo wir vielleicht noch den Geschmack ersinnen, ent­deckst du in jeder Pflanze eine besondere We­senheit, die sich mitteilt. Das klingt für mich sehr esoterisch.

Storl: Als ich als Junge nach Amerika kam, bin ich anstatt Baseball zu spielen in die Wälder ge­gangen. In Ohio auf dem Land gab es Schlangen, Schildkröten, Waschbären, Opossums und vor allem Pflanzen. Dort gibt es noch heute fast zehnmal so viele Pflanzenarten wie hier in Deutschland. Alleine 150 verschiedene Laub­bäume – das war enorm faszinierend. Ich habe dann die Lehrer nach den Pflanzen gefragt und die antworteten nur: „God dammed weeds, they are not interesting”. Ich fand sie aber sehr wohl interessant und meine ganze Freizeit war ich im Wald und auf den Bäumen. Es gab keine Bücher darüber, keinerlei intellektuelle Infor­mation, und so saß ich da, habe die Pflanzen beobachtet und einen Spürsinn für sie ent­wickelt

hb: Also ein sehr frühes Interesse. In den 50er Jahren in den USA dürftest du dabei vom Hanf wenig mitbekommen haben. Es herrschte die Verteufelung des Hanfs.

Storl: Man sah nie eine Hanfpflanze, ich hätte nie gewusst, wie eine aussieht Es war irgend­ein Rauschgift, dass die Leute zum Wahnsinn treibt, zu Mord und zu ausschweifender, per­verser Sexualität

hb: Wenn man den Mord streicht, eigentlich al­les Dinge die wir uns wünschen.

Der Kosmos02Storl (lacht): Nicht, wenn ihr im Mittleren We­sten der USA aufwachst Dort war Sexualität das Werk des Teufels. Eine vollkommen schi­zophrene Entwicklung.

hb: Die sich bis heute durch die amerikani­schen Gesellschaft zieht.

Storl: Klar, schau dir nur den Clinton mit seiner Tussi an. Hanf habe ich aber erst bei einer Rei­se nach Kalifornien kennengelernt Ich hatte enorme Angst vor dem Rauchen. Ich studierte dann Botanik, hörte damit aber bald wieder auf, weil ich nur im Labor stand und ich woll­te ja raus in die Natur.

hb: Das muss am Anfang der Hippie-Bewegung gewesen sein.

Storl: Auf den Campus kamen um 1964 die er­sten Leute, die Indien bereist hatten. Sie hatten lange Haare, sie hatten natürliche Klamotten, fließende Gewänder, sie haben Sachen gerne geteilt, sie hatten Zeit und saßen gerne im Grü­nen. Es waren Blumenkinder. Davon war ich natürlich begeistert. Der Begriff der „Hippies” kam erst auf, als Journalisten in New York frag­ten: „Hey, was ist das für ein neuer Trend?”. Beatniks waren das nicht, Hipsters auch nicht, denn das waren die Leute aus dem Ghetto, die wussten, wo es die Drogen gibt Aber gekifft ha­ben sie, also nannte man sie Hippies. Das war die Zeit, in der die ersten Flugzeuge regelmäßig nach Indien flogen. Dort entdeckten die Abenteuerlustigen ei­ne völlig neue Welt. Die Inder konnten nicht wissen, wer die­se Menschen waren, vielleicht ja Shiva und Parvati? Also nahmen die Ärmsten sie in ih­re Hütten auf, haben sie bewirtet Diese Leute haben auch die Sadhus kennenge­lernt, Cannabis ge­raucht und kamen völlig ekstatisch zurück nach Amerika. Sie brachten ein Element der Ekstase mit Lange Zeit hatte sie jeder ger­ne, Probleme mit der Polizei gab es kaum. Dies entwickelte sich erst, als die Bewegung politi­siert wurde und Klassenkampf-Parolen Einzug hielten.

hb: Was lehrte dich das