Cannabis als medizin legal? mitnichten – wie eine zeitungsente entsteht

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Während des Sommerlochs verkündete der deutsche Gesund­heitsminister Philip Rösler, Schwerkranken den Zugang zu Cannabismedikamenten zu erleichtern. Tags drauf behaupteten „Spiegel-Online“ und die „Bild“-Zeitung, ‚Cannabismedizin sei einem Gesetzesentwurf der Bundesregierung zu Folge bald legal‘. „Toll!“ haben da wohl viele gedacht, denn laut einer Emnid­Umfrage im Auftrag des Deutschen Hanfverbands ist eine große Mehrheit der Deutschen bei medizinischem Cannabis für einen vereinfachten Abgabemodus an Schwerkranke. Der Haken an der Meldung ist, dass sie nicht ganz das widerspiegelt, wie es wirklich um die aktuelle Entwicklung in der Cannabismedizin steht: Nicht viel besser oder schlechter als vor der angekündig­ten Gesetzesänderung. Eher ein wenig schlechter. Aber der Reihe nach … Text: Kimo

Cannabismedizin in Deutschland — Eine kurze Chronologie

Um 1150: Hildegard von Bingen erwähnt erstmals die medizinischen Eigenschaften von Hanf: „Wer ein leeres Hirn hat, dem verursacht der Genuss des Hanfes einen Schmerz im Kopfe. Den, der aber gesund ist und ein volles Gehirn im Kopfe hat, schädigt er nicht.“ Sie empfiehlt die Anwendung bei Geschwüren und Wunden. Cannabis wird seitdem in allen medizinischen Standardwerken erwähnt und ist fester Bestandteil der Volksmedizin sowie der neueren Medizin.

1927: Cannabisprodukte werden in Deutschland apothekenpflichtig und durch Opiate; Barbiturate und Co ersetzt. Cannabis verschwin­det, wie viele andere Heilkräuter, ein paar Jahrzehnte fast vollständig aus der (Schul)-Medizin.

Ab 1950: Durch die genaue Erforschung des THC-Moleküls interes­sieren sich immer mehr Wissenschaftler für das medizinische Potential von Cannabis.

1961: Die „Single Convention“ der UNO erklärt die medizinische Forschung und somit die Nutzung von Cannabinoiden für unnötig, Hanf habe keinen medizinischen Nutzen. In den USA und anderen westliche Ländern gibt es zu diesem Zeitpunkt viele positive Forsch­ungsergebnisse.

1971: Durch die Einführung des BtmG werden die Beschlüsse der „Single Convention“ faktisch auch in Deutschland umgesetzt, Cannabis ist auch als Medizin nicht mehr verkehrsfähig (Anlage 3 BtmG, nicht verkehrs- oder verschreibungsfähig)

1997: Nachdem schon mehrere Länder positive Erfahrungen mit medizinischen Cannabisblüten oder Medikamenten auf Cannabis-Basis gemacht haben, wird in Deutschland Dronabinol, ein halb­synthetisches THC-Fertigpräparat der Firma THC-Pharm, zugelassen. Die Kosten werden bis heute nicht von den Kassen übernommen. Andere cannabinoidhaltige Medizin oder natürliches Cannabiskraut bleiben illegal.

2007: Ein ungetesteter Cannabis-Extrakt auf Sesamölbasis wird auf Anweisung des BfArM an Patienten vergeben, die Dronabinol nicht vertragen und nach einem Richterspruch des Bundesverwaltungs­gerichts eigentlich eine Ausnahmegenehmigung für natürliches Cannabis erhalten sollten. Das Sesamöl wird zum Desaster, vier von fünf Patienten klagen über mangelnde Wirkung. Der Hersteller hatte das BfarM im Vorfeld auf eventuell fehlende Wirksamkeitsstudien hingewiesen.

2009: Nach jahrelangen, gerichtlichen Auseinandersetzungen und dem Sesamöl-Reinfall erhalten sieben Patienten die Genehmigung, natürliches, nach medizinisches Standards angebautes Cannabis aus den Niederlanden zu importieren. Für „normale“ Cannabinoid-Patienten bleibt diese Weg versperrt, denn hierzu bedarf es einer Ausnahmegenehmigung, die wiederum einen Antrag voraussetzt, der eigentlich nur mit Hilfe eines geschulten Juristen ausgefüllt werden sollte.

Juli 2010: Sativex, ein Mundspray aus natürlichem Cannabis, wird Anfang Juli in Großbritannien und Ende des Monats in Spanien zugelassen. Die Entwicklerfirma GW-Pharmaceuticals bringt Sativex in Zusammenarbeit mit Bayer in Großbritannien auf den Markt, in anderen europäischen Ländern soll Sativex dann von dem Pharma­Riesen Almirall vertrieben werden, wenn es einmal zugelassen ist. Anders als beim natürlichen Cannabiskraut der niederländischen Firma Bedrocan bietet Sativex nur eine Wirkstoffkombination von THC und anderen Cannabinoiden und ist deutlich teurer als die unter medizinischen Standards angebaute Pflanze. Bei Bedrocan können Patienten aus drei Varianten wählen, bei Sativex nur eine. Auch das Indikationsspektrum von Sativex ist, anders als bei Cannabisblüten aus niederländischen Apotheken, bisher lediglich auf MS